Die Leidenschaft für verlassene Orte – so genannte „Lost Places“ hat ihren Ursprung in den 70er Jahren und kommt – wie so vieles – aus den USA. Meist waren es Schüler und Studenten, die sich in ihrer Freizeit zusammenfanden, und in waghalsigen Aktionen Brücken und Hochhäuser erkletterten, in Tunnel- und Bunkersysteme einstiegen, oder sich Zugang zu U-Bahnen oder öffentlichen Gebäuden verschafften, um diese zu erkunden und das Erreichte mit Fotos zu Beweiszwecken zu dokumentieren. Ein wesentlicher Aspekt, der eine ganze Szene prägte und die Leidenschaft zur Erforschung von Einrichtungen des städtischen Raums förderte, waren der Strukturwandel der Autoindustrie in Städten wie beispielsweise Detroit, wo durch den fortwährenden Niedergang und dem Bedeutungsverlust einer ganzen Infrastruktur bis heute der Verfall dominiert. Zudem verfügen Städte wie Detroit, Chicago, San Francisco, New York und viele mehr über ein riesiges Netz aus Kanalisationen und Tunnelsystemen. Ein Mekka für abenteuerlustige Heranwachsende also.

In Deutschland und Europa formte sich in den Jahren 2004 bis 2011 eine beachtliche Szene, die zuerst noch als Community fungierte und funktionierte. Diverse Webseiten und Foren entstanden und zogen ihre Zielgruppe an. Nennenswert hierbei sind Seiten wie „Sperrzone“, „Forbidden Places“, „Subterranea Britannica“, „Reactor4“, „Derelicta“ oder Foren wie „28DaysLater“, „UER“, „UK Urbex“, „lost-places.com“ und andere. Beobachten konnte man hier allerdings einen neuen Trend. Das Augenmerk der Fotografen und „Entdecker“ lag nun nicht mehr auf dem eigentlichen Begehen von Lost Places und wenigen Bildern als Referenz, sondern auf der Dokumentation und Erfassung selbiger. Wo anfangs noch oberflächlich der Kick des Verbotenen im Vordergrund stand, konnte man nun ausführliche Bilderstrecken und historische Chroniken finden. Auf diesen Zug sprangen erfreulicherweise viele Projekte auf. Auch die Themenvielfalt wurde konsequent erweitert. Ob Tunnelsysteme, Bunker- und Industrieanlagen, Sanatorien, Herrenhäuser usw. – Lost Places gab und gibt es wie Sand am Meer. Es war die Leidenschaft eines jeden, selbige zu recherchieren und zu besuchen, zu dokumentieren. Hinzu kam das Erleben einer besonderen Atmosphäre – jeder Lost Place ist anders, erzählt seine eigene Geschichte – und der Reiz, möglichst viel von allem aufzusaugen. Doch wo viele „Gleichgesinnte“ aktiv sind und wo enorme Mengen an Objekten gesammelt oder zusammengetragen werden, finden sich nicht nur Gönner, sondern in erster Linie Neider – Trolle wurden magisch angezogen. Der Verfall einer ganzen Szene hatte begonnen.

In den Jahren 2012, 2013 und 2014 kam es zu einem regelrechten Boom, nicht nur in Deutschland, auch in Europa, Amerika und anderen Kontinenten. Jeder entdeckte plötzlich seine Leidenschaft für verlassene Orte und dies musste natürlich, wo es nur geht, auch wirksam publiziert werden. Der Grund hierfür waren in erster Linie soziale Netzwerke wie Facebook und Co., wo sich Anhänger der „Lost Places“ in ganzen Szenen und Gruppen nicht nur organisierten, sondern es auch zu regelrechten Machtkämpfen kam und kommt. Jeder sah sich ab sofort als Historiker der ersten Stunde, der das Recht hat, nicht nur Regeln aufzustellen, sondern auch über andere zu urteilen. Richtig anerkannt ist in Augen vieler Moralapostel bis heute nur der, der die geheimsten, ultimativsten, top-erhaltenen Orte besucht und die spektakulärsten Fotos wie Trophäen präsentiert. Man ahnt, welche Risiken und Nebenwirkungen dies auslöst.

Erschreckend hierbei ist auch die Tatsache, dass der Großteil kein Risiko- und Rechtsbewusstsein mehr kennt, keinen Respekt vor Fremdeigentum hat und Orte handelt wie auf einer Tauschbörse. Lange vorbei ist die Zeit der Selbstrecherche, die mühevollen Tage und Wochen der Tourplanung, das ehrfürchtige Genießen der vorgefundenen Atmosphäre – heute geht es um das schnellstmögliche Abarbeiten ganzer Objektlisten. Wer darunter am meisten leidet, sind die vergessenen oder verlassenen Orte – die „Lost Places“, Schaden nehmen in erster Linie die erhaltenswerten Orte und Gebäude – in Zeiten von Facebook und Co.

Die kommenden Jahre werden zeigen, wohin die Reise geht. Wieder einmal kommt man zur Erkenntnis, dass früher alles besser war, oder doch nicht? Diese geschichtliche Abwandlung zeigt, wie alles begann und wie sich etwas entwickelt hat, das nur noch schwer zu kontrollieren und aufzuhalten ist. Ein Ergebnis auch der digitalen Revolution – der zweiten Moderne. Es heißt, jeder Hype ist einmal vorbei – wenn dem so ist, wo ist das Ende und wann ist dieses erreicht? Es wird Zeit, das erkannt wird, das das Thema „Lost Places“ ein sensibles ist und man mit diesen Orten ebenso umgehen sollte. Respekt verdient der, der nicht mit dem Finger auf andere zeigt, um sein Gemüt zu befriedigen – sondern der, der mit gutem Beispiel vorangeht und das macht, worum es bei dieser Leidenschaft geht: Objekte zu erfassen, diese zu erkunden und zu dokumentieren und die Schönheit des Verfalls sichtbar zu machen, egal wo auf der Welt. Und es braucht mehr Menschen wie Jeff Chapman, die sich offen und in breiter Öffentlichkeit zu ihrem handeln bekennen und Aufklärungsarbeit leisten, ohne sich für ihr Tun unter „Gleichgesinnten“ verstecken oder entschuldigen zu müssen. Denn es sollte zum Wortschatz-Portfolio eines jeden Lost Place Fans gehören, bei Gesprächen mit den Medien mehr als nur „illigal“, Hausfriedensbruch“ und „Urban Explorer“ herauszubekommen. Diese sollten aufklären können, warum es Menschen gibt, die sich Lost Places verschrieben haben.